Strategischer Rückzug: China beendet Tiefseehafenprojekt in Anaklia, Georgien plant Eigenentwicklung
Die Regierung Georgiens hat offiziell bestätigt, dass sich China aus dem Tiefseehafenprojekt Anaklia zurückgezogen hat. Damit endet eine der umstrittensten und komplexesten Infrastrukturinitiativen der Kaukasusregion. Die georgische Regierung kündigte an, den Hafen künftig eigenständig zu entwickeln und zu betreiben.
Wenige Infrastrukturprojekte im Kaukasus sind so komplex und geopolitisch aufgeladen wie das Anaklia-Projekt. Es wurde 2016 gestartet, zunächst geführt von einem Joint Venture georgischer und US-amerikanischer Unternehmen. Die georgische Regierung "Georgian Dream" kündigte jedoch 2020 den 2,5 Milliarden USD teuren Vertrag und stoppte das Projekt vorübergehend. Mitte 2024 wurde der Bauvertrag schließlich einem chinesischen Joint Venture übertragen, was eine geopolitische Verschiebung der Regierung von den USA und der EU hin zu Russland und China signalisierte.
Wechsel der Entwicklungsstrategie
Georgische Beamte teilen nun mit, dass der Hafen nach dem "Landlord-Modell" entwickelt werden soll. Dabei behält der Staat die Eigentumsrechte an der Kerninfrastruktur, während internationale Partner unter bestimmten Rahmenbedingungen eingebunden werden. Diese Erklärung erwähnt nicht das zuvor ausgewählte chinesische Joint Venture, was die seit Monaten kursenden Gerüchte über Desinteresse Pekings an dem Projekt bestätigt.
| Zeitpunkt | Wichtigste Ereignisse | Auswirkungen |
|---|---|---|
| 2016 | Projektstart mit georgisch-amerikanischem Joint Venture | Impuls für strategische Infrastruturentwicklung |
| 2020 | Kündigung des 2,5-Milliarden-USD-Vertrags | Projektunterbrechung, Suche nach neuen Partnern |
| Mitte 2024 | Vertragvergabe an chinesisches Joint Venture | Geopolitische Hinwendung zu Asien |
| Ende 2025 | Rückzug Chinas aus dem Projekt | Georgien wechselt zum "Landlord-Modell" |
Chinas Beteiligung und Rückzug
Die staatliche chinesische China Communications Construction Company (CCCC) und ihre in Singapur registrierte Tochtergesellschaft China Harbour Investment erhielten 2024 49% der Anteile am Hafen. Ende 2025 begannen jedoch Berichte zu kursieren, dass das Joint Venture nicht mehr am Projekt beteiligt sei. Die Mitteilung der georgischen Regierung vom 6. Juli scheint diesen Rückzug nun offiziell zu bestätigen.
"Das 'Landlord-Modell' wird es dem Staat ermöglichen, den Hafen Anaklia nicht nur mit einem einzigen Partner wie bisher geplant, sondern gleichzeitig mit mehreren Ländern und Unternehmen zu entwickeln. Dies schafft die besten Voraussetzungen, um Güter zum Hafen zu ziehen und somit eine maximale Effizienz zu gewährleisten", sagte Wirtschaftsministerin Mariam Kvrivishvili.
Strategische Lage und die Mittlere Korridor-Route
Kvrivishvili betonte die wachsende Bedeutung der Mittleren Korridor-Route (Middle Corridor), einer Handelsverbindung zwischen Asien und Europa, die Russland umgeht. Sie beschrieb Anaklia als "nicht nur regional, sondern auch international als strategische Infrastrukturprojekt von Bedeutung". Sie argumentierte, dass das wachsende ausländische Interesse ein Modell erfordere, das staatliche Kontrolle sicherstellt.
"Der Staat wird Eigentümer des Tiefseehafens Anaklia sein. Niemand anderes wird ein Projekt besitzen, das für unser Land von solcher strategischer Bedeutung ist", betonte sie.
| Element | Altes Modell | "Landlord-Modell" |
|---|---|---|
| Eigentumsverhältnisse | Internationales Joint Venture (49% China) | Staat hält Kern-Eigentumsrechte |
| Partner | Ein Hauptpartner (chinesisches Joint Venture) | Multiple internationale Partner mit Grenzen |
| Strategie | Ausrichtung auf China | Ausbalanciert mit Ländern der Mittleren Korridor |
| Risiken | Abhängigkeit von einem Partner | Risikostreuung, aber komplexer |
Zukunftspläne
Die Regierung hat sich zum Ziel gesetzt, dass die erste Phase des Hafens 2029 in Betrieb genommen wird, obwohl noch keine Partner oder Investoren bestätigt wurden. Kvrivishvili erklärte, Tiflis "begrüßt besonders" Investitionen aus den Ländern der Mittleren Korridor-Route. Westliche Länder, deren Beziehungen zur Regierung "Georgian Dream" sich erheblich verschlechtert haben, wurden nicht erwähnt.
Kürzlich besuchten usbekische Beamte den Standort und zeigten Interesse an der Beteiligung an der Entwicklung dieser Anlage. Georgien plant, 7 Milliarden USD in strategische Transportinfrastruktur bis 2032 zu investieren, ein Paket, das die Finanzierung für das Anaklia-Projekt, die Modernisierung der georgischen Eisenbahn und den Ausbau des nationalen Autobahnnetzes umfasst.
Expertenanalyse
Experten weisen darauf hin, dass der Bau selbst nie die schwierigste Phase eines Hafenprojekts war; die Herausforderung bestehe vielmehr darin, ihn über Jahrzehnte profitabel zu betreiben. Viele sehen in Georgiens Schritt eine Spiegelung der breiteren Strategie der Regierung "Georgian Dream" unter Bidzina Ivanishvili - eine berechnete Bewegung, die Georgien eine Rolle in der Mittleren Korridor-Route sichern soll, während versucht wird, einen Teil des Wohlwollens westlicher Partner zurückzugewinnen, den man durch autoritäre Tendenzen verloren hat.
Die vollständige staatliche Kontrolle über den Hafen passt zu dieser Strategie. Das Anaklia-Projekt mit seiner strategischen Lage am Schwarzen Meer hat das Potenzial, ein wichtiges Logistikzentrum zu werden, das Europa mit Asien über die Mittlere Korridor-Route verbindet und dabei Russland umgeht - eine Route in der aktuellen geopolitischen Lage von zunehmendem Wert.
Die größte Herausforderung für Georgien besteht jedoch nicht nur im Bau des Hafens, sondern auch darin sicherzustellen, dass er im Vergleich zu bestehenden Häfen in der Region hinsichtlich Effizienz und Kosten wettbewerbsfähig bleibt, insbesondere wenn er ohne die Unterstützung eines finanzstarken internationalen Partners eigenständig operieren soll.